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Großangriff auf unsere NahrungMitte Mai 2003 reichten die USA bei der Welthandelsorganisation eine lang angekündigte Klage gegen die EU ein. Hintergrund der Klage ist ein seit 1998 bestehendes Moratorium für die Zulassung und Vermarktung von gentechnisch veränderten Organismen (GVO) in der EU, das aufgrund der großen Ablehnung der Gentechnik durch die europäischen VerbraucherInnen erlassen worden war. Doch in den Augen der US-Regierung ist das Protektionismus: Sie wirft der EU vor, amerikanische Farmer zu diskriminieren, die ihre gentechnisch veränderten Produkte in der EU nicht verkaufen dürfen. Im August 2003 haben die USA und ihre Mitstreiter die Einsetzung eines WTO-Streitschlichtungsgremiums beantragt. Dieses hat im März 2004 die Arbeit aufgenommen. In den nächsten Monaten wird sich nun entscheiden, was Vorrang hat: Freihandel oder Vorsorge vor Gesundheits- und Umweltschäden. Wer ist die WTO? Welches Ziel verfolgt sie?Die Welthandelsorganisation (WTO) legt die Regeln des Welthandels fest. Sie
wurde 1995 gegründet. Ihr gehören 148 Staaten an, die untereinander
über 90 Prozent des globalen Welthandels betreiben. Die WTO behauptet, dass globaler Freihandel zu höheren Lebensstandards
weltweit führt. Das ist Unsinn. Die WTO -Regeln nutzen vor allem den reichen
Ländern. Außerdem ist ein Drittel des globalen Welthandels der Austausch
vergleichbarer Güter. Argentinische Äpfel werden nach Europa, englische
Äpfel nach Amerika geflogen. Der Lebensstandard der Menschen wächst
dadurch nicht. Wohl aber die Emissionen des Verkehrssektors. Außerdem
sind für die WTO Umwelt- und Gesundheitsschutz häufig nur störende
"Handelshemmnisse". Wenn das der Fall ist, sind Maßnahmen zum
Schutz der Gesundheit und der Umwelt in Gefahr! Neoliberales Druckmittel: das Streitschlichtungsverfahren
USA und WTO im Dienst der KonzerneNur eine Handvoll transnationaler Konzerne beherrschen den Markt für transgenes
Saatgut und für Agrochemie. Das US-amerikanische Unternehmen Monsanto hält
einen Anteil von 91 Prozent der Anbauflächen von Genpflanzen. Weitere Player
sind Bayer, BASF, Syngenta, Dow und Pioneer. Derzeit schreiben alle Unternehmen
der Branche rote Zahlen. Auch deshalb stehen die Konzerne unter Druck, neue
Absatzmärkte zu erschließen. Kein Wunder also, dass sie nach jahrelangen
Drohungen nun tatsächlich über das Heimatland der Gentechnik eine
Klage bei der WTO lanciert haben. Die USA sind das Gentechnik-Land Nummer 1:
Im Jahr 2003 befanden sich etwa 63 Prozent der weltweiten Anbauflächen
in den USA, 21 Prozent in Argentinien, 6 Prozent in Kanada und je 4 Prozent
in Brasilien und in China. Durch das Moratorium in der EU haben vor allem die
USA Exportverluste zu verzeichnen. Nach eigenen Angaben konnten sie allein Gen-Mais
im Wert von 300 Millionen Dollar pro Jahr nicht in die EU absetzen. Zugespitzt hat sich die Lage der USA und der mit ihr verbandelten Industrie
zudem durch die Weigerung einiger afrikanischer Länder, US-amerikanische
Nahrungsmittelhilfe in Form von Genmais zu akzeptieren. Der Plan der Bush-Administration,
den auf den Weltmärkten unverkäuflichen US-Genmais unter dem Deckmantel
humanitärer Hilfe elegant zu entsorgen, ging nicht auf. Der US-Handelsbeauftragte
Robert Zoellick wetterte daraufhin: Die Europäer würden nicht nur
grundlos den freien Warenverkehr behindern, sondern seien auch noch Schuld am
Hungertod von Afrikanern. Wie scheinheilig dieses Argument ist, ist unverkennbar. Die "Hilfslieferungen"
für Entwicklungsländer sind nichts anderes als eine Möglichkeit
zur Eroberung neuer, bisher gentechnikfreier Absatzmärkte. Und dieses Ziel
verfolgt die amerikanische Politik mit aller Macht: Im Mai 2003 hat der US-Kongress
beschlossen, Entwicklungsländern AIDS-Medikamente verwehrt werden können,
wenn diese die Einfuhr genmanipulierter Lebensmittel verweigern. WTO gegen internationales UmweltschutzabkommenAm 11. September 2003 trat das UN-Cartagena-Protokoll zur Biologischen Sicherheit in Kraft. Es erlaubt dem Empfängerland, die Einfuhr von GVO zu verbieten, wenn begründete Zweifel an der Sicherheit für die Umwelt, die biologische Vielfalt und die menschliche Gesundheit bestehen. Unter Berufung auf das Vorsorgeprinzip können die Staaten damit Importverbote verhängen. Ganz anders ist die Rechtsauffassung der WTO: Für sie ist das Vorsorgeprinzip Ausdruck von Unwissenschaftlichkeit und damit nur ein anderes Wort für Protektionismus. Darum verweigert die WTO die Anerkennung des Vorsorgeprinzips und setzt alles daran, dass Handelsinteressen weiterhin Vorrang vor Vorsorge haben. Die EU knickt ein, das Moratorium hält trotzdemAuch in Europa wurde die Aufhebung des Moratoriums seit Jahren durch einige Mitgliedsstaaten, die EU-Kommission und die Gentechnikindustrie vorangetrieben. Letztlich mit Erfolg. Am 19.5.2004 hat die EU-Kommission mit dem Genmais Bt11 die erste Genpflanze seit 1998 zugelassen. Dies nicht zu letzt wegen des Drucks, der von der WTO-Klage ausgeht. Doch auch wenn es weitere Zulassungen gibt, kann das Moratorium standhalten: Durch den Widerstand der VerbraucherInnen und LandwirtInnen. Wenn Genfood in der EU keinen Absatz findet nutzen neue Zulassungen der Gentechnik-Industrie überhaupt nichts! Dieses Signal müssen wir auch an andere Länder senden, deren Gentechnik-Regulierung bedroht ist. Was spricht gegen die Agro-Gentechnik?Gentech-Pflanzen bieten keinen Nutzen, der es rechtfertigt, die menschliche Gesundheit und die Vielfalt der Natur den Risiken dieser auszusetzen. Die Folgen der Gentechnik für Mensch, Tier und Ökosystem sind bisher viel zu wenig erforscht.
Weitere Informationen......finden Sie im Reader "Streitfall Gentechnik" oder in unserem Hintergrundmaterial zum Weiterlesen. |